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Tango argentino in Potsdam


Das Fest auf dem Neuen Markt 2001

Presse: Potsdammer Neueste Nachrichten

 
Potsdammer Neueste Nachrichten

Von Bettina Fischer
Montag, 13.August 2001

   Feuer und Schwermut

Volles Parkett: Das 2. Tangofest der „Potsdamer Arkadien“ lockte viele Besucher auf den Neuen Markt

   
   Die Tänzerin schließt die Augen. Sie legt ihre Wange an die ihres Partners und den Arm um seine Schultern. Die Musik setzt ein und das Paar beginnt, seine Schritte zu setzen. Er folgt den Rhythmen und sie seinen Bewegungen. Sie schiebt ihr Bein gerade nach hinten, ohne die Fußspitze vom Boden zu lösen; sie schlägt mit dem Bein einen Halbkreis, schließlich verfängt es sich in der Kniekehle des Partners. Blitzschnell lässt sie den Fuß in die Höhe schnellen und wieder zu Boden sinken. Ein paar weitere Schritte, dann lässt sie ihr Knie langsam an seinem Bein in die Höhe gleiten und wieder hinunter.

   Währenddessen öffnet sie die Augen nicht, kein Wort fällt zwischen den beiden. Unter freiem Himmel tanzt das Paar Wange an Wange den Tango. Es ist nur eines der vielen Paare, die zum 2. Tangofest der „Potsdamer Arkadien“ auf dem Neuen Markt gekommen sind. Je dunkler es wird, desto mehr füllen sich die vielen Bänke mit Tangoliebhabern; und wenn sie nicht selbst tanzen, betrachten sie die tanzenden Paare auf der Tanzfläche. Drei Ensembles spielen vom frühen Abend bis in die Nacht. Sie spielen den Tango argentino, der sich im 19. Jahrhundert in Argentinien entwickelte; den jüngeren Tango milonga, der ein schnelleres Tempo hat und den Tango nuevo, dessen Begründer der argentinische Komponist Astor Piazzolla ist.

   Die fünf Musiker der Gruppe „Quinteto tango nuevo“ zum Beispiel haben es sich zur Aufgabe gemacht, vor allem Werke von Piazzolla in Originalbesetzung aufzuführen. Ihre Instrumente sind eine Gitarre (Frank Kaiser), ein Klavier (Anja Schmidt), eine Geige (Christian Pechstedt), ein Bandoneon (Valeri Funkner) und ein Kontrabass (Bernd Gesell); insbesondere die letzten beiden Instrumente verleihen der Musik den schwermütigen Klang. Piazzolla selbst hat häufig in seinen Tangos musikalische Elemente wie die der jiddischen Musik, der ungarischen Tänze oder der Harmonien Mozarts und Bachs verwendet. So kann der Zuhörer immer wieder auf Klänge stoßen, die ihm bekannt vorkommen; doch sind sie als Tango verfremdet.

   Leicht klettern die Finger des Geigers die Saiten hinauf, langsam rutschen sie wieder hinunter; sauber und virtuos spielen auch die anderen Musiker. Dennoch gelingt es ihnen nicht immer, das Feuer dieser Musik zu vermitteln. Die drei Musiker der Gruppe „La Murga“ – das heißt soviel wie Straßenmusiker – leben in Paris. Das Trio – Violine (Anne le Corre), Gitarre (Diego Trosman) und Bandoneon oder Klavier (Fernando Maguna) – besteht aus einer Französin und zwei Argentiniern. Seit 1998 spielen sie zusammen den Tango. Als Gruppe scheinen sie zusammen gewachsen, gemeinsam schaffen sie ihren Klangteppich.

     Während des Spiels zählt nur die Musik, und die Töne verweben sich miteinander. Die drei spielen sehr viel Tango milonga; es ist ein schneller Rhythmus, und an manchen Stellen ist der Übergang zum Jazz fließend. Die tanzenden Paare wippen auf und ab, wippen und flitzen über das Parkett. Bei manchen Stücken begleitet die Berlinerin Ana Fonell mit ihrer Stimme die Gruppe; erst seit einigen Jahren singt die Schauspielerin und Sängerin neben Chansons und jiddischer Folklore auch Tangos; zum ersten Mal tritt sie mit „La Murga“ auf. Doch sie und die Gruppe wirken zusammengehörig.

   Leicht legt Ana Fonell ihre Stimme über die Musik und singt einfache, traditionelle Melodien. Ihre warme Stimme dringt über den Platz. Dabei lauscht sie den eigenen Worten und Tönen nach. In dem einen der Lieder – die sie auf spanisch singt – geht es um zwei Schwestern, die sich im Haus ihrer Kindheit wiedertreffen und alte Erinnerungen auffrischen. Immer voller wird die Tanzfläche, geborgen in der Dunkelheit drehen und wenden sich die Paare. Abschluss und Höhepunkt ist das „Luis Borda Cuarteto“. Luis Borda ist Gitarrist und Komponist.

   Er steht in der Tradition Astor Piazzollas und somit des Tango nuevo. Gemeinsam mit Lothar Hensel (Bandoneon), Luciana (Violine) und Inna Surzhenko (Klavier) spielt er unter anderem eigene Kompositionen. Er klopft auf die Gitarre, zupft an den Saiten, und rhythmisch verschoben dazu setzen Klavier und Geige ein. Darüber legt sich der süße Schmelz des Bandoneons. Große Temposchwankungen erschweren den Tänzern das Tanzen – beim Tango nuevo befinden sich nur wenige Paare auf der Tanzfläche, bei langsamen Stellen bleibt ihnen fast nichts, als in ihren Positionen zu verharren und auf einen Tempowechsel zu warten. Der Tangoabend ist nicht nur ein vergnüglicher Tanzabend. Es ist zu hören, dass Tango mehr ist als eine bestimmte Musikform, zu der sich Promenaden tanzen lassen. Auch der Tango hat sich entwickelt, und es lohnt sich zuzuhören. Der Abend neigt sich dem Ende zu. Manche Paare haben seit Beginn des Festes kaum die Tanzfläche verlassen. Doch jetzt öffnet auch die Tänzerin, die mit ihrem Partner Wange an Wange tanzt, die Augen.

Stand: 12.08.2002